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Am 3.11.2009 urteilte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg, dass Kreuze in Italien aus den Klassenzimmern zu entfernen. Diese Seite gibt einige Reaktionen und Argumente wieder.
Der Streit ums Kreuz - anders gesehen - von Christoph Schönborn am 5.11.09 in der Gratiszeitung Heute
Das Kreuz in Schulklassen verstößt also gegen die Menschenrechte! So befindet der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg. Man hört - und staunt! Soll das die “Zukunftsmusik” in Europa sein? Weg mit
allen religiösen Symbolen? Weg mit den Gipfelkreuzen und den Kirchtürmen (sind ja auch religiöse Symbole!) und ich werde wohl auch nicht mehr als Priester kenntlich in der Öffentlichkeit sein dürfen, dann auch das
ist ein religiöses Zeichen.
Was haben sich die Richter in Straßburg wohl gedacht? Aber Polemik beiseite. Sehen wir die Sache doch einmal von einer ganz anderen Seite. Vor Kurzem hörte ich eine Muslimin: “Mich stört das Kreuz nicht. So weiß ich
wenigstens, dass hier Menschen leben, die an Gott glauben. Das tut gut. Da fühle ich mich als Gläubige angenommen.”
Das Kreuz im Klassenzimmer: Es erinnert mich daran, dass Gott bei mir ist im Leiden und dass der Tod nicht das Ende ist. Denn zum Kreuz gehört immer auch die Auferstehung.
Das Kreuz im Gerichtssaal: Es sagt, du stehst nicht nur vor dem Richter, sondern auch vor Gott. Das ist nicht nur die Ermahnung an alle: Bleibt bei der Wahrheit und Gerechtigkeit! Es ist auch Trost: Wir alle brauchen
einmal Gottes barmherziges Gericht, und Gott wird barmherzig sein!
Das Kreuz in der Schule: Es sagt den Kindern, den Jugendlichen, den Lehrenden: Schulischer Misserfolg ist ein Kreuz, aber eben nicht zum Verzweifeln. Gott sagt trotzdem JA zu dir!
Das Kreuz ist das große Symbol für das Ja Gottes zu jedem von uns. Will uns Straßburg dazu Nein sagen?
Als Kardinal König nach seinem schweren Autounfall im ehemaligen Jugoslawien aus dem Koma erwachte, sah er an der Wand des Spitalzimmers ein Bild Titos. Für den Kirchenmann war dieses
Erlebnis der Anstoß zu einem inneren Prozess, der ihn zu einer besonderen Solidarität mit den Christen der kommunistischen Länder führte. Für uns kann das Bild dieser Situation eine Hilfe sein, mit einem
Missverständnis aufzuräumen, mit dem heute in Europa Politik gemacht wird. Um den Irrglauben, echte Religionsfreiheit sei dann gegeben, wenn eine Gesellschaft von der Religion befreit ist. Dieses Missverständnis,
das zur Zeit durch ein Gerichtsurteil des EGMR propagiert wird, beruht auf zwei Annahmen, die leicht widerlegt werden könnten.
Erstens: die Rede vom wertneutralen Staat. Sie ist schlicht naiv und Ergebnis einer Illusion.
Zweitens: die Annahme, eine Öffentlichkeit ohne jede Präsenz religiösen Lebens oder religiöser Symbole wäre eine
„tolerantere“ oder der Gewissensfreiheit angemessener als ein „public square“, der Äußerungen religiösen Glaubens zulässt oder sogar fördert.
Über die erste der beiden Voraussetzungen unseres
Missverständnisses darf man eigentlich lachen: wertneutraler Staat? Gegenüber Steuerhinterziehung und Korruption? Gegenüber Fremdenhass und Diskriminierung? Gegenüber Umweltsünden und sexueller Belästigung am
Arbeitsplatz? Ein Staat, der Neonazis verbietet, Pornografie erlaubt, bestimmte Formen der Entwicklungshilfe steuerlich begünstigt und andere nicht? Alles aufgrund neutraler Werte?
Da will uns doch jemand für
dumm verkaufen. Schon Goethe wetterte gegen den Unsinn, von „liberalen Ideen“ zu reden. Ideen sollen womöglich gut oder richtig sein, liberal soll unsere Haltung gegenüber Menschen mit anderen Ideen sein.
Auch Heinz Fischer belästigt
Die zweite Annahme muss man hingegen etwas ernster nehmen: Der große jüdische Rechtsgelehrte Joseph Weiler meinte angesichts der Debatte über den Gottesbezug in der EU-Verfassung: Er als
Angehöriger einer religiösen Minderheit fühle sich in einer Gesellschaft besser aufgehoben, die ihre religiösen Symbole respektiert, als in einer laizistischen, die selbst missionarisch gegen jede Glaubensäußerung
vorgeht. Man könnte noch hinzufügen: Auch die Demontage der Kreuze in einem öffentlichen Spital und die verbleibenden weißen Wände sind ein Zeichen, bergen eine Symbolik und senden Signale an einen sterbenden
Patienten, der zu ihnen hinaufblickt.
Natürlich kann sich die atheistische Mutter eines Schulkindes durch das Kreuz im Klassenzimmer belästigt fühlen. Doch das ist unvermeidbar. Auch ich fühle mich belästigt,
wenn ich beim Betreten jedes Postamts Heinz Fischer erblicke, den ich nicht gewählt habe. Oder wenn ich am Weg zum Kindergarten meiner Tochter die von mir mitfinanzierten Plakate der Gemeinde Wien betrachten muss.
Beeinflussung, ideologische Signale, visuelle Präsenz wird es immer geben. Die Frage ist nur, in welcher Form und mit welchem Inhalt. Und da soll sich der Staat nur sehr maßvoll einmischen. Und wenn, dann nicht
durch Verbote, die die Religion ins Ghetto einsperren. Das Kreuz ist heute weniger denn je ein Zeichen des Zwanges, sondern eines der Identität und des Zusammenhalts Europas. Und deshalb hat es nicht nur Kardinal
König im Spitalszimmer gefehlt. Es würde auch mir und meinen kirchenfernen Freunden fehlen: auf den Berggipfeln des Salzkammerguts, den Kirchen Burgunds und den Rettungswagen des Roten Kreuzes. Das Kreuz ist für den
Christen Anspruch und Geheimnis. Aber für Europa ist es das erfolgreichste und beste Logo aller Zeiten. Es soll sichtbar bleiben.
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